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Piz Bernina  4049 m

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Piz Morteratsch,3751 m über den Spraunzagrat (ONO - Grat)
Piz Bernina, 4049 m über den Biancograt 

Tourenbericht von Herbert Kleinsorge

Berninagruppe, Kanton Graubünden.  
Ausgangspunkt: Pontresina

Als Abschluss unseres 2-wöchigen Bergurlaubes hatten wir (mein Tourenpartner und ich) den Spraunzagrat am Piz Morteratsch und am nächsten Tag den Biancograt als Höhepunkte geplant.

Unsere Wunsch - Bergführer, die wir im Laufe der letzten Jahre im Engadin kennengelernt hatten, waren alle schwer beschäftigt, und so hatte uns die Bergsteigerschule Pontresina einen Führer der Bergsteigerschule Uri vermittelt. Sein Name ist Walter Hungerbühler jun. Wir treffen ihn nachmittags auf der Bovalhütte. Er kommt gerade mit einem Gast vom Biancograt.

Aufbruch zum Spraunzagrat von der Bovalhütte um 4.45 Uhr. Bis zum Einsteig auf ca. 2800 m geht es durch die Dunkelheit weglos über steiles Geröll und einige Wasserläufe. Es gilt, das von der Hütte aus gut sichtbare obere von 2 Bändern zu finden, das problemlos duch die Felsflanke führt. Mit absoluter Sicherheit trifft Walter dieses Band und später auch den Steinmann, der den Einstieg markiert.

Links der Grataufschwungs geht es durch eine Rinne auf den eigentlichen Grat. Dabei muß schon richtig Hand angelegt werden. Der Grat ist super zu klettern. Im unteren Teil von einem kurzen Firngrat unterbrochen, bewegt man sich sonst nur in festem, griffigem Fels, in dem das Sichern mit Schlingen oder Keilen immer möglich ist. Es gibt nur einen Haken. Der steckt auf dem Felskopf vor dem Steilaufschwung im oberen Teil und dient zum Abseilen in die Scharte dahinter. (Dieser Turm kann auch mit einem Abstieg durch eine steile Rinne links umgangen werden).Der Grat mündet schließlich in eine Schneeflanke, über die es die letzten Höhenmeter zum Gipfel geht. Nur an ganz wenigen Stellen hat uns der Bergführer richtig nachgesichert, und so sind wir nach 5 Stunden oben und um 13.00 Uhr auf der Tschiervahütte.

Eine wunderschöne Tour bei bestem Wetter,optimale Verhältnisse, fester Fels, die schwersten Stellen im Schwierigkeitsgrad III+,  sonst III und auch oft leichter, objektiv sicher.
Der Einsteig liegt versteckt hinter dem von der Hütte aus sichtbaren Gratansatz. Im Dunkeln sehr schwer zu finden! Der reine Grat ist 900 hoch m. Vom Einstieg abgesehen keine Orientierungsprobleme. Wenig begangen.

Das war am Biancograt leider nicht der Fall. Die Hütte wurde während des Nachmittags immer voller und war bis zum Abend belegt.

Aspiranten für den Biancograt  und den Piz Roseg werden um 3.00 Uhr geweckt, Morteratsch - Besteiger um 4.00 Uhr. Um 3.45 Uhr starten wir noch mit dem letzten Bissen im Mund von der Hütte. Mit einem ungewöhnlich schnellen Tempo gehtes los und ich bin richtig sauer. Was soll die blöde Rennerei in völliger Dunkelheit zum Einstieg, zumal das Gelände teilweise heikel ist ? Erst nachher verstand ich den Sinn.

Je später man sich am Gletscher in die Spur einfädelt, desto länger dauert die Tour, denn Überholen ist ab dort nicht mehr möglich. Durch Warten in der Fuorcla Prievlusa und im Felsbereich nach dem Schneegrat dauert die Tour immer länger. Je weiter vorne man ist, desto schneller geht es. Und an diesem Tag waren sehr viele Bergsteiger unterwegs. Nach dem Bergsturz vor 10 Jahren wurde der Weg im oberen Teil neu angelegt. Einge Bergsteiger folgen prompt dem alten, nach oben führenden Weg - dadurch rücken wir nach vorne auf. Achtung an dieser Stelle: der neue Weg biegt irgendwann rechts mit leichtem Gefälle ab ! Unbedingt am Vortag erkundigen !

Der Zeitfaktor ist enorm wichtig bei einer solch langen Tour. Außerdem wollten wir noch am gleichen Tag zurück ins Tal zur Station Morteratsch. Nach 1 Stunde ist der Gletscher ( im leichten Trab ) erreicht. Dort werden die Steigeisen angelegt. Noch ist es stockdunkel, aber sternenklar. Der Gletscher wird immer steiler, von Blankeisstellen unterbrochen. Dort, wo er sich unter der Fuorcla endgültig aufsteilt, quert die Spur in die rechte, steile Flanke mit einer unangenehmen Randkluft - aber wir sind ja nicht am scharfen Ende des Seils....Die Spur ist gut und sicher angelegt und wir kommen ohne Probleme, aber mit höchster Konzentration in die Scharte. Dort erleben wir einen Sonnenaufgang, der mich die Rennerei vergessen läßt! Unglaublich auch der Tiefblick auf den Morteratschgletscher - ein unbeschreiblicher Platz. Hier beginnt der Felsbereich und damit das Warten. Nach 15 Minuten sind wir - gut ausgeruht - an der Reihe. Gleich zu Anfang wird eine unangenehme Rechtsquerung auf einem abschüssigen, überdachten Band in gebückter Haltung und mit knirschenden Steigeisen überwunden. Danach geht es leichter weiter, mal rechts des Grates, mal links, mal obendrauf. Einige Haken erleichtern das Sichern. Nach der Hälfte wird der Grat nach links durch eine Rinne in die Bovalseitige Schneeflanke verlassen und unmittelbar am Felsansatz zum Beginn des eigentlichen Schneegrates angestiegen . Ein fantastisches Bild: blendend weiß zieht der Grat in den tiefblauen Himmel - Motiv zahlreicher Kalenderbilder. Das Steigen ist reiner Genuß, losgelöst von der Erde,  eine „Magic Line``...

Nach 1,5 Stunden ist das Ende des Firngrates erreicht. Bei einer Zwangspause - wir warten, bis wir dran sind - nehmen wir den nächsten Teil ins Visier. Der Blick auf den folgenden Felsgrat ist atemberaubend: unglaublich schmal und ausgesetzt zieht er sich zum Hauptgipfel hinüber, mit 2 Türmen versehen und deshalb mit einigen Abseilstellen. Es stecken allerdings einige neue Bohrhaken. Das ständige Abseilen, Klettern und Sichern erfordert nochmal höchste Konzentration. Auch hier müssen wir ab und zu warten. Aber es gibt so viel zu Schauen......

Besonders pikant ist ein Spreizschritt, den eine Spalte von 1 Meter Breite nötig macht. Außerdem ist das andere Ende 1 Meter tiefer. Dazwischen geht es nur noch runter....Ein ganz kurzes Fixseil erleichtert den unangenehmen Schritt ungemein. Die letzten Meter sind dann nochmal richtig steil, aber gut griffig und wir erreichen endlich über ein kurzes horizontales Gratstück um 10.00 Uhr den Gipfel - und auch den Gipfel der Gefühle.....Wir gönnen uns eine kurze Pause.

Um 11.15 Uhr sind wir auf der Marco - et Rosa - Hütte und machen dort nochmal eine kleine Pause bei einer Minestrone. Dank der idealen Schneeverhältnisse müssen wir nicht über den Fortezzagrat absteigen, sondern können, was seit vielen Jahren nicht mehr möglich war, durch das sog. Buuch hinunter zum Morteratschgletscher gelangen.
Um 15.45 Uhr, genau 12 Stunden nach dem Start auf der Hütte, treffen wir bei der Station Morteratsch ein und wollen nur noch liegen......

Die Verhältnisse am Grat konnten besser nicht sein: Stabiles Wetter, gute Stufen und kaum Vereisung im Firnbereich, dazu absolut trockener Fels machten diese Tour zu einem unvergesslichen Erlebnis. Entscheidend und maßgeblich daran beteiligt war unser Bergführer. Einen besseren konnten wir nicht finden. Danke, Walter!

Die Felsen sind überall fest. Die Schwierigkeiten im Felsteil nach dem Firngrat gehen über III+ nicht hinaus. Dieser letzte Felsteil ist mit neuen Bohrhaken an allen wichtigen Stellen ausgerüstet. Eine sichere Abseiltechnik ist hilfreich. Nur nach bester Akklimatisation und mit entsprechender Kondition ein Genuß.

Als Richtschnur unsere Zeiten für die einzelnen Etappen, beste Bedingungen vorausgesetzt und ohne „Wartezeiten``: Hütte - Gletscher 1 Stunde.
Gletscher - Fuorcla Prievlusa 1 Stunde
Scharte - Beginn Firngrat 45 Minuten
Firngrat bis Piz Bianco( Vorgipfel, Ende des Schneegrates) 1,5 Stunden
Letzter Felsteil - Gipfel  1,5 Stunden
Gipfel - Marco-e-Rosahütten 1 Stunde

Herbert Kleinsorge
mailto:
herbert.kleinsorge@t-online.de


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